Tomarton – Bath Abbey

Am nächsten Morgen fühlte ich mich trotz der unchristlichen Uhrzeit tatsächlich energiegeladen. Wäre dies hier ein Roman würde ich sowas schreiben wie „Und jedes ihrer Nervenenden vibrierte in freudiger Erwartung, endlich das letzte Stück des Weges in Angriff zu nehmen, um das große Ziel, auf das sie acht Tage lang hingearbeitet hatte, zu erreichen.“

Doch da dies hier kein Roman ist, schreibe ich einfach: Ich hatte mega Bock zum laufen!

Also schnürte ich zum letzten Mal mein Bündel. Mein packed lunch stand schon im Kühlschrank parat. Ich hatte mich mit den B&B – Besitzern darauf geeinigt, dass sie es vorbereiten und ich es einfach mitnehmen würde, damit sie nicht so früh aufstehen mussten. Das wäre mir tatsächlich unangenehm gewesen. Allerdings fand ich nicht nur mein Mittagessen dort, sondern auch eine kleine putzige Karte mit Geburtstagsgrüßen und einem kleinen Geldbetrag für den „Cystic Fibrosis Trust“. Ich muss zugeben, dass ich selten bessergelaunt in einen Tag gestartet bin.

Allerdings hielt die gute Laune nicht sehr lange an. Eigentlich nur bis zum Gartentor, an dem ich feststellte, dass es regnete. Zwar nicht heftig, aber dauerhaft. Auf eine Art und Weise, was die Klamotten in wenigen Minuten durchnässte – ohne, dass man genau sagen konnte, wie das jetzt eigentlich passiert war. Und so weihte ich meine Regenjacke das erste Mal am letzten Tag der Wanderung ein. Verrückt!

Ich verließ das Dorf und musste erst einmal über eine Autobahnbrücke laufen. Und wer mich kennt, weiß, dass ich Höhenangst habe. Und zwar nicht zu knapp. In Deutschland über eine Autobahnbrücke zu laufen, ist für mich ungefähr das worst case scenario. Aber dort war es lustigerweise kein Problem. Vermutlich war ich eher damit beschäftigt, mich zu fragen, warum es eigentlich keinen Gehweg gab, wenn schon ein offizieller Wanderweg dort entlang ging.

Ich war an jenem Morgen extrem schnell unterwegs. Man hätte fast meinen können, ich würde Siebenmeilenstiefel tragen. Allerdings war mir einfach dezent kalt und meine Füße traten bei jedem Schritt ins Wasser. Und ich wollte die nassen Wiesen und Felder einfach so schnell wie möglich hinter mir lassen.

Der Regen verzog sich erst nach zwei, drei Stunden. Meine ehemals weißen Socken hatten sich in ein schmutziges Braun verwandelt und meine ehemals so schönen giftgrünen Schuhe wirkten von der Farbe her wie etwas, was Kleinkinder aus ihrer Nase beförderten.

Ich hielt mich noch nicht einmal damit auf eine Frühstückspause einzulegen. So gegen 10 Uhr konnte ich dann auch den ersten schüchternen Blick auf Bath erhaschen. Was ungefähr das Schlimmste war, was ich mir vorstellen konnte. Also, nicht die Stadt, die wirkte sehr heimelig, aber es war einfach grausam, zu wissen, wo man hinwollte, aber einem Pfad folgen zu müssen, der sich in Schlangenlinien darum herum zog.

Ich kam am Feld vorbei, an dem 1643 das legendäre „Battle of Lansdown“ stattgefunden hatte. Da ich zu faul bin, zu erklären, um was es ging – hier das Foto davon:

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Irgendwann kam ich noch an eine Kuhweide. Tja, nur dort, wo das Tor stand, standen auch 12 ausgewachsene Kühe, die nicht aussahen, als ob sie sich gerne bewegt hätten. Also schlich ich um die Kühe herum, durch ein Dornengebüsch. Sämtliche Rindviecher folgten meinen Bewegungen mit den Augen. Als ich sie schließlich umrundet hatte, kam Bewegung in die Herde. Ich, dezent panisch, hätte in jenem Moment jedem Sprinter Ehre gemacht. Ich glaube, ich rannte die 100 Meter bis zum Ende der Weide in unter 10 Sekunden. Erst, als ich das schützende Gatter wieder hinter mir schließen konnte, erlaubte ich mir innezuhalten.

Und was sah ich?

Nichts! Die Kühe hatten sich nur zwanzig Zentimeter von ihren eigentlichen Plätzen wegbewegt und kauten vor sich hin. Selten zuvor kam ich mir so dämlich vor. Ich Angsthase ich! Aber tatsächlich hatte ich keine Lust mich durch einen Huftritt so kurz vor meinem Ziel aus dem Rennen treten zu lassen.

Die restliche Strecke bis Bath war unspektakulär. Landschaftlich natürlich sehr schön, aber es passierte nichts weiter. In Bath angekommen hibbelte ich schon voller Vorfreude. Hätte ich gewusst, dass mich der offizielle Weg über sämtliche Hügel der Stadt lotsen würde, hätte ich das Grinsen sein lassen! Und so wurde die letzte Stunde meiner Wanderung die anstrengendste überhaupt. Ich keuchte, ich schwitze, ich fluchte (sehr zur Erheiterung der „normalen“ Touristen, die in ihren chicen Klamotten und ihren federleichten Handtaschen nichts anderes tragen mussten). Und schließlich … ja, schließlich war ich da.

Bath Abbey.

Das Ziel.

164 Kilometer!!!

Ich heulte tatsächlich ein wenig vor Erleichterung und Stolz und Glück, außerdem ein wenig vor Traurigkeit, dass die Wanderung nun vorbei war. Ich stand einfach nur fünf Minuten da und ließ den Tränen freien Lauf. (Glücklicherweise NACH dem obligatorischen Ich-habs-geschafft-Selfie) Dann riss ich mich zusammen, ging ins Tourist Office und holte mir den Stempel ab, dass ich es wirklich bis hierhin geschafft hatte.

Ich nahm den nächsten Zug nach London. Meine Füße jaulten vor Erleichterung. Und ich auch ein wenig.

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Hawkesbury Upton – Tomarton

Der nächste Tag war (erneut) ein „kurzer“ Tag für mich. Ich hatte nur 14 km vor mir, also gönnte ich mir den Luxus, bis um halb 9 Uhr zu schlafen. Danach trieben mich meine „itchy feet“ jedoch wirklich aus dem Bett. Es ist unglaublich, wie sehr man sich daran gewöhnt, jeden Morgen früh aufzuwachen und einfach unterwegs zu sein. Ich hätte niemals gedacht, dass ich – oder besser: mein Körper – dazu in der Lage wäre. Und was passiert? Ich beweise mir das Gegenteil. Wunderwerk Körper.

Mein packed lunch stand schon parat – und es hat mein Rucksackgewicht bestimmt sofort verdoppelt. Nicht nur zwei verführerisch aussehende riesige Sandwichs waren darin, sondern noch Müsliriegel, ein Apfel und eine Flasche Wasser. Yummy!

(Auch wenn ich immernoch nicht verstehe, warum einem dort jeder Äpfel andrehen wollte. Ich glaube, Bananen würden viel mehr Energie geben, oder? Ich sammelte ab Tag 2 zumindest all meine Äpfel und ließ sie kurz vor meiner Abreise in London auf dem Küchentresen des Freundes liegen, bei dem ich schlief. Ich glaube, er hat es bis heute nicht bemerkt.)

Nachdem ich der erschrockenen Putzfrau meinen Schlüssel übergeben hatte (ansonsten war niemand im Haus), machte ich mich extrem gut gelaunt auf den Weg. Das Wetter war bewölkt, aber ich war schon froh, dass meine Haut mal nicht von der brennenden Sonne versengt wurde. Ich wanderte vorwiegend über abgemähte Felder und sang dabei aus vollem Halse irgendwelche Lieder, die mir gerade in den Sinn kamen. Dies waren vorzugsweise Lieder von Ed Sheeran („Photograph“ war mein Lieblingsstück zum gröhlen), Jamie Lawson („Wasn’t expecting that“) und Passenger (Einfach alle. Ich liebe diesen Künstler und alles, was er je zustande gebracht hat. „Wrong direction“ und „Let her go“ waren jedoch die Lieder, die ich zumindest bis zum Ende singen konnte).

Hätte mich ein Außenstehender betrachtet, hätte er mich wohl für komplett bescheuert gehalten. Ich sang, ich lachte, ich heulte, ich gröhlte – einfach alles, was mir gerade in den Sinn kam. Und es tat gut! Manchmal muss man es eben rauslassen, wenn man nicht komplett durchdrehen möchte.

Bis ich in Old Sodbury ankam, hatte ich mich wieder beruhigt. Was auch gut war, denn von dort an, traf ich auch wieder auf andere Menschen. Eine Gruppe von Rentnern machte sich einen Spaß daraus, sich von mir überholen zu lassen – nur, um mich bei meiner nächsten Rast wieder einzuholen. Nach dem dritten Mal grüßten wir uns schon unter lautem Hallo und lachten über unseren kleinen Privatscherz.

Im Schatten einer Kirche, auf einer Bank, machte ich Rast. Ich hatte nur noch fünf Kilometer bis zum Ziel vor mir und hatte noch mehr als genügend Zeit. Ich futterte meinen Proviant, schickte ein paar Nachrichten an die Lieben in der Heimat und freute mich meines Lebens. Und ich muss mal eine Lanze für das Wandern brechen: Es entschleunigt das eigene Leben in eine wunderbare Weise. Und ich genoss das acht Tage lang in vollen Zügen.

Irgendwann war ich dann schließlich doch am Ziel des Tages – und mal wieder viel zu früh. Ich strolchte durch das kleine beschauliche Dorf „Tomarton“ (und ich Geiste las ich es immer als Tomato). Ich stellte fest, dass der Pub an diesem Tag erst um 18 Uhr öffnete, also brauchte ich eine andere Stelle, an der ich mir die restliche Zeit vertreiben konnte. Ein anderes Lokal gab es nicht, also suchte ich mir eine kleine windgeschützte Wiese und las.

Tja.

Und mal wieder wurde mein Frieden gestört. Und zwar vom Rasenmähermann.

Also lief ich eine Runde durchs Dorf.  Na gut. Zwei Runden. Vielleicht waren es auch fünf. Danach ging ich wieder zur Wiese, die inzwischen gemäht worden war. Nach einer halben Stunde kam der nächste Typ auf seinem Rasenmäher angezockelt. Ich floh erneut, um eine Runde durchs Dorf zu laufen. (Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon jeden Grashalm mit Namen.) Nach dem dritten Mal – und dem dritten Rasenmähermann – zockelte ich erneut zutiefst frustriert durch die Straßen, als mich eine ältere Frau ansprach. Als ich ihr meine Misere schilderte, lachte sie und meinte, ich könne mich getrost in der Kirche ausruhen. Da wäre man an müde Wanderer gewohnt.

Tja. Was soll ich sagen? In die Kirche traute ich mich dann doch nicht, aber am hinteren Ende des Friedhofes fand ich eine geschützte Bank, auf der ich zwei Stunden ungestört lesen konnte. Offenbar durfte das Gras auf dem Friedhof dort ungestört wachsen…

Schließlich checkte ich im B&B ein und wurde von einem unglaublich liebenswerten älteren Pärchen empfangen. Der Mann trug mir sogar meinen Rucksack ins Zimmer und erzählte mir begeisterte Geschichten von dem Jahr, das er in München verbracht hatte, als er noch ein junger Kerl gewesen war. Sogar ein paar deutsche Sätze waren hängengeblieben. („Mahlzeit!“, „Prost!“ und „Guten Morgen!“ waren nur ein paar der Dinge, die er sagen konnte.)

Ich duschte schließlich und schaute ein wenig fern, bis ich schließlich zurück in den Pub ging, um etwas zu essen. Ich hatte nur noch wenig Bargeld, weswegen ich mich für die preisgünstige „Soup of the day“ entschied. Sie wurde in einer riesigen Schüssel serviert, mit zwei herrlich fluffigen Scheiben Brot, und war sehr lecker. Auch wenn ich bis heute nicht weiß, was genau ich da gegessen habe. Ich tippe immernoch auf Steckrücke oder so etwas, aber ich habe vergessen zu fragen.

Egal, Hauptsache satt und zufrieden.

Im Pub lernte ich auch ein nettes Pärchen aus Kalifornien kennen, die eigentlich den Jakobsweg hatten wandern wollen. Doch das warme Wetter hatten sie schließlich nach England getrieben. Doch wir waren uns alle einig, dass der Cotswold Way in Sachen herrlicher Landschaft dem Jakobsweg in nichts nachstand… Wir plauderten ein wenig, tauschten unsere Erfahrungen aus und hatten einen sehr netten Abend. Nachdem sie erfuhren, dass ich mit der Wanderung Geld für den „Cystic Fibrosis Trust“ sammelte, bestanden sie darauf, mein Abendessen zu bezahlen. Ich war baff und gerührt und weiß bis heute nicht, womit ich so viel Herzlichkeit verdient hatte.

Ich schenkte ihnen schließlich meinen Reiseführer, da ich ja am nächsten Tag schon in Bath sein wollte und ihn dementsprechend nicht mehr gebrauchen konnte. Für den Weg hatte ich schließlich meine erprobte Cotswold Way App und Google Maps mit GPS. Sie freuten sich darüber.

Wir plauderte noch etwas. Schließlich kam der Pubbesitzer auf uns zu, der mitbekommen hatte, dass wir den Cotswold Way wanderten. Er gab uns viele praktische Tipps für die restliche Strecke und teilte seine Anekdoten mit uns. Obwohl ich ihn ein wenig exzentrisch fand, war dies doch sehr liebenswert. Nicht jeder hätte sich so viel Mühe gegeben!

Ich ging an diesem Abend trotzdem schon gegen neun Uhr ins Bett, denn der Wecker klingelte am nächsten Tag schon um kurz vor 6 Uhr. Ich wollte spätestens um halb sieben Uhr auf der Strecke sein, denn schließlich stand mir ein großer Tag bevor. Nein, nicht mein Geburtstag. Aber das letzte Stück nach Bath. Und wenn ich das schaffen sollte, hatte ich es tatsächlich geschafft, 164 km zu laufen!

Dursley – Hawkesbury Upton

Der nächste Tag begann mit einem extrem leckeren Frühstück. Ich bin ein großer und überzeugter Fan eines guten „Full English Breakfasts“, aber ehrlich gesagt nicht, wenn ich danach noch wandern muss. Und nach ein paar Tagen hängen einem die Bohnen, der Speck und die Würstchen endgültig zum Hals raus. Daher freute ich mich an jenem Morgen über Bircher Müsli (nach Art der Hausherrin, einer Halbschweizerin / Halbdänin) und eine Quark-Joghurt-Speise mit Apfelkompott. Und natürlich der obligatorische Breakfast Tea.

Die Hausherrin hatte sich auch erbarmt meine Dreckwäsche zu waschen und so konnte ich den Tag mit frischgewaschener Wanderhose und einem frischgewaschenen T-Shirt beginnen. Ganz zu schweigen von Unterwäsche und Socken. Es war ein himmlisches Gefühl! Und ich könnte noch ganze Absätze darüber schwärmen…

Ich packte mein packed lunch ein (Pumpernickel mit Räucherlachs – yummy!) und machte mich schließlich auf den Weg. Es gab zwei Möglichkeiten weiterzulaufen. Entweder den kurzen Weg über oder den längeren Weg um den Golfplatz herum. Eigentlich hatte ich vorgehabt, den kürzeren Weg zu nehmen.

Eigentlich.

Es endete damit, dass ich den Golfplatz und seine Spieler von allen möglichen und unmöglichen Seiten bewundern konnte. Und mal wieder an der Angst litt, von einem Golfball getroffen zu werden.

Natürlich passierte nichts dergleichen. Dafür bemerkte ich irgendwann, als ich vom Golfplatz aus in den Wald eingebogen war, dass ich den falschen BH anhatte. Normalerweise wanderte ich im Sport-BH (einfach, weil er atmungsaktiver und angenehmer zu tragen war), aber durch das Kuddelmuddel mit meiner Wäsche hatte ich am Morgen einen normalen BH angezogen. Und was tut ein praktisch denkender Mensch? Natürlich blankziehen! Gesagt, getan.

Es interessierte keine Sau – aus dem einfachen Grund, weil einfach mal niemand unterwegs war -, aber ich fühlte mich dezent wagemutig. Und durchtrieben. Weswegen ich diese Anekdote jetzt auch hier teilen muss. Gern geschehen.

Ich wanderte weiter und eigentlich passierte nichts Aufregendes. Als ich den Wald wieder verließ, musste ich am Rande eines Weizen(?)feldes entlang laufen. Ihr müsst euch das so vorstellen: Links war eine Kuhweide mit Elektrozaun, der mich fröhlich summend von seiner Inbetriebnahme informierte. Rechts war ein Feld mit fröhlich wuchernden Brennesseln. Der Pfad, auf dem ich laufen konnte, war ungefähr 30 cm breit. Ich fühlte mich dezent an eine der Folterszenen in Saw erinnert.

(Ich wählte übrigens die Brennesseln.)

Irgendwann wollte ich dann mal Frühstückspause machen, nachdem mein Magen mir deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er Hunger hatte. Mein Motto wurde „Beim nächsten schönen Plätzchen mit einer Bank halte ich an und mache Rast.“ Offenbar hatten sich sämtliche Götter gegen mich verschworen, denn die nächsten 5 km kam einfach keine Bank mehr! Es gab Felder voller Brennesseln, feuchte Erdstellen oder meterhohes Gras – aber keine Stelle, an der man sich mit trockenem Popo eine Stulle hinter die Kiemen hätte schieben können. Irgendwann kapitulierte ich und setzte mich in einem der Dörfchen, die ich durchqueren musste, an eine Kreuzung an die schiefe wacklige Bank.

Der Mann, der dort gegenüber wohnte und gerade dabei war, seinen Rasen zu gießen, beobachtete mich die gesamten zwanzig Minuten lang argwöhnisch. Offenbar sind die Menschen dort keine Touristen gewohnt.

Kurz nach Mittag war ich schließlich schon am Ziel für den Tag – Hawkesbury Upton, wo ich mich im „The Fox Inn“ eingemietet hatte. Da dies unter die Kategorie „Hotel“ fiel, konnte ich erst um 17 Uhr einchecken. (Merken: Check-Ins in B&Bs normalerweise nie vor 16 Uhr, Hotels nicht vor 17 Uhr) Also suchte ich mir – mal wieder – eine nette Stelle, an der ich mich in Ruhe hinsetzen und lesen konnte. (Zum Glück hatte ich mein Kindle dabei.)

Die erste Stelle, die ich fand, war eine Wiese mit ein paar schönen alten Bäumen vor einer Häuserreihe. Was ich nicht gesehen hatte, war, dass dort Kinder am Gehsteig spielten. Und für die war ich offenbar die Attraktion des Tages. Sie riefen mir unflätige Dinge zu und, als ich keine Reaktion zeigte, kamen sie zu mir hingerannt, brüllten mir irgendwelche unsinnigen Dinge ins Ohr und rannten wieder davon. Ich musste mich schwer beherrschen ihnen nicht meinen Mittlefinger zu zeigen und zog schließlich frustriert ab.

Der nächste Platz, den ich fand, war der Dorfplatz mit einem Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Dort nahm ich die Bank in Beschlag, machte es mir gemütlich und las ungefähr 43833 Kapitel in meinem Buch.

Gegen 17 Uhr checkte ich schließlich ein – und als ich das Zimmer sah, war jeglicher Frust vergessen. Das Zimmer war groß, heimelig und besaß eine Badewanne! Ich muss nicht sagen, dass ich dies redlich ausnutzte und meine müden Gliedmaßen ungefähr eine Stunde lang in herrlich warmen Wasser einweichte.

Da das italienische Restaurant, das dem Hotel angeschlossen war, am Montag Ruhetag hatte, zog ich schließlich weiter in den nahegelegenen Pub. Ich bestellte ein Chicken Curry (das sich als MEGAPORTION mit extra viel Naan Brot herausstellte – ich muss nicht extra sagen, dass ich nach etwas mehr als der Hälfte schlapp machte, oder?), das ich in Rekordzeit verschlang.

Warum?

Nun ja, sagt euch der Begriff „Morris Dancers“ irgendetwas?  Ich fühle mich mal so frei und kopiere die Definition von Wikipedia:

Der Moriskentanz (italienisch moresca, aus spanisch morisca) ist ein Bühnentanz des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, dessen Verbreitung sich bis ins 15. Jahrhundert innerhalb der höfischen Renaissancekultur zurückverfolgen lässt.  (…) Der Ursprung des Moriskentanzes (… liegt…) in archaischen Fruchtbarkeitsriten begründet.

Als besondere Form des Moriskentanzes, wenn nicht sogar als eigenständige Tanzform für sich, gilt der englische Morris dance.

Heute werden im Wesentlichen sechs regionale Stile unterschieden:

Es klingt nicht nur wie Schuhplattler auf Englisch – es IST praktisch einer. Ich, als Laie, kann zumindest keinen Unterschied feststellen. Und ich muss zugeben, dass ich es nicht unbedingt eilig hatte, mir so etwas anzusehen.

Der Pubbesitzer bemerkte dies mit einem Grinsen und obwohl er es wirklich tapfer versuchte, ließ ich mich nicht umstimmen. Nennt mich Kulturbanause, wenn ihr wollt, aber ich kenne meine Grenzen!

Gesättigt und mit einem Grinsen im Gesicht ließ ich den Tag mit ein wenig britischem Fernsehen ausklingen.

 

 

 

 

Middleyard – Dursley


Am nächsten Tag war ich schon früh – so gegen 7 Uhr – auf den Beinen. Warum genau kann ich bis heute nicht sagen, denn ich hatte nur einen gemütlichen 12, 13 km Marsch vor mir. Ich wollte eine Art „Ruhetag“, damit meine Füße eine kleine Verschnaufpause bekommen – und eigentlich auch, um meine Moral zu stärken. Schließlich wollte ich nicht irgendwann als heulendes, erschöpftes Bündel am Straßenrand liegen.
Der Weg begann dann auch gleich mit einer richtig tollen Steigung, an deren Ende (und ein paar Mal dazwischen) ich erstmal eine Verschnaufpause brauchte. Ich muss zugeben, dass meine Ausdauer tatsächlich schon spürbar besser geworden ist. Und tatsächlich bin ich darauf auch etwas stolz.
So. Genug Selbstbeweihräucherung.
Ich kam an Nymphsfield Long Barrow vorbei (ein echter Gänsehautort), doch konnte leider keine Nymphen erkennen. Nur jede Menge anderer Wanderer. War trotzdem schön. Und die Aussicht drumherum war wirklich spektakulär!
Ich lief und lief und lief. Zwischendurch traf ich noch ein paar andere Wanderer, ebenfalls auf dem Weg von Chipping Campden nach Bath. Aber mit dem kleinen Unterschied, dass diese ihr Gepäck tragen ließen, bzw es von einer Agentur von einer in die nächste Unterkunft bringen ließen. Das ist hier ziemlich verbreitet, aber ich hatte mich bewusst dagegen entschieden. Wenn schon wandern, dann richtig. Aber psssssst! Verratet es den anderen nicht.
Ansonsten passierte wirklich nicht viel. Ich war um die Mittagszeit in Dursley und musste feststellen, dass der Waschsalon, in den ich all meine Hoffnungen gesetzt hatte, dicht gemacht hatte. Ich war dezent genervt (ich hatte keine saubere Wäsche mehr) und quartierte mich schließlich für ein paar Stunden im „Bank Cafe“ ein. Ich war wieder mal zu früh für den Check In im B&B.
Dort hatte ich ein großartiges Mittagessen (Garlic mushroom bruschetta) und ich musste aufpassen, dass ich in den knuddligen Sesseln nicht einpennte.
Schließlich quälte ich mich den VERDAMMT STEILEN HÜGEL zum Golfplatz hinauf, an dessen Rand meine Unterkunft für die Nacht stand. Dort angekommen wurde ich trotz meines zerzausten und erschöpften Äußeren extrem herzlich empfangen und durfte erstmal bei einer Tasse Tee (mit Milch natürlich!) und einem köstlichen Scone (mit Erdbeermarmelade und clotted cream – alles selbstgemacht!) ein wenig ausruhen.
Der restliche Abend verlief ereignislos. Ich hatte keine Lust den ganzen Hügel wieder runter zu laufen, nur um mir die Stadt näher anzusehen, also vertrieb ich mir die Zeit anderweitig. Und schlief irgendwann erschöpft und müde ein.

Birdlip – Middleyard

​Ich gehe davon aus, dass jeder von euch schon mal morgens aufgewacht ist und einen Kater hatte. Klar, kennt so gut wie jeder. Diesmal war es das erste Mal, dass ich zwei Stunden vor meinem Wecker aufwachte und trotz akuter Müdigkeit partout nicht mehr einschlafen konnte, während meine Gedärme einen wilden Tango tanzten. Mein Kopf hämmerte. Mir war schwindlig. Meine Zunge fühlte sich an, als wäre ihr über Nacht ein Pelz gewachsen.

Kurzum – ich war weit davon entfernt fit zu sein. Und trotzdem war ich davon besessen, um spätestens halb 8 wieder auf der Strecke zu sein, denn schließlich hatte ich ein paar Kilometer zu bewältigen.
Nach einer Flasche Wasser (in einem Zug geleert, natürlich) und einer Dusche fühlte ich mich tatsächlich etwas besser. Und nach dem Zähneputzen war ich beinahe so etwas ähnliches wie wach. Und kurze Zeit später war ich tatsächlich wieder auf der Strecke.
Danke nochmal an Dave, der mich die zwei Kilometer zurück brachte, so dass ich nicht wieder an der Autobahn entlang laufen musste. Nicht, dass er dies je lesen würde. Aber die Geste zählt.
Ich muss zugeben, dass ich mich bisher auf dem Weg sehr sicher fühlte. Aber als ich um halb 8 durch einen verlassenen Wald lief, dank Nebel mit einer Sichtweite von unter zehn Metern, war mir doch ein wenig unbehaglich zumute. Nichtsdestotrotz genoß ich diese einsame Wanderung extrem – ich kam mir wirklich vor wie der einzige Mensch auf der Welt.
Es dauerte nicht lange bis ich nach Coopers Hill kam. Sagt euch nichts? Tja! Aber vielleicht wenn ich erwähne, dass genau dort das jährliche „cheese rolling event“ stattfindet, klingelt bestimmt was, oder? Für alle, die es nicht kennen: Das sind einfach ein paar Leute, die einen Hügel runterrennen, einem gewaltigen Laib Double Gloucester Cheese hinterher. Und das unter den wachsamen Augen von bis zu 4000 Zuschauern. Solltet ihr also mal im Mai dort sein – ich glaube es lohnt sich tatsächlich. Alleine schon wegen dem Spektakel!
Ich stapfte also weiter (zur Stärkung – und um meinen flauen Magen zu beruhigen – stopfte ich mir noch einen Müsliriegel und einen Apfel hinter die Kiemen) und kam irgendwann nach Painswick.
Das war von dem her ganz gut, weil ich nämlich dringend einen ATM – einen Geldautomaten – brauchte. Ich hatte kaum mehr Cash, wusste aber, dass ich meine Unterkünfte in bar zahlen musste.
Also stapfte ich zu dem kleinen Supermarkt, in dem sich laut meinem Guide der Geldautomat befinden sollte. Tja, der stand da auch. War aber leider kaputt. Der nette Angestellte konnte da leider auch nicht helfen. Entschuldigt hat er sich trotzdem – war ja auch Brite. Ich gönnte mir einen O-Saft und hüpfte weiter. In Kings Stanley sollte es schließlich noch einen Geldautomaten geben.
Kurz danach kam ich an einem extrem wichtigen Wegposten vorbei. Nämlich dem, der die Hälfte des Cotswold Way markiert! Ich hab tatsächlich ein wenig geheult – vor Freude und auch ein wenig vor Erschöpfung. (Und jetzt alle im Chor: „Pussy!“)
An irgendeinem Aussichtspunkt (ich hab leider den Namen vergessen, könnte Haresfield Beacon gewesen sein) sprach mich ein vierjähriges Mädchen an, ob ich ihr helfen könne, ihre Oma zu finden. Auf mein mitfühlendes „Oh. Are you lost?“ (Hast du dich verlaufen?)  antwortete sie mit einem erstaunten „No I’m not. Grannys lost!“ (Nein hab ich nicht. Oma hat sich verlaufen.) Auch eine Art, die Dinge zu sehen!
Oma war dank ihres knallpinken Shirts glücklicherweise leicht zu finden und so war die Familienzusammenführung perfekt. Und ich war froh, dass ich nicht die Polizei anrufen musste um eine verlorene Oma zu melden…
In Standish Wood kaufte ich mir noch bei einem herumstehenden Foodtruck ein Erdbeereis. Und es war das beste verfluchte Eis, das ich jemals gegessen habe! (Lag aber auch nur an den Begleitumständen…)
Schließlich fiel ich irgendwann in Kings Stanley ein und – Überraschung! – der Geldautomat funktionierte glücklicherweise. Ich deckte mich noch kurz mit lebenswichtigen Kleinigkeiten ein und zog dann weiter in den Pub (Kings Head), denn ich hatte noch eine Stunde Zeit, bevor ich im B&B einchecken konnte. 
Ich betrat den Pub und hatte die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Gastes sicher. Offenbar waren alleinreisende Frauen dort ein eher ungewöhnlicher Anblick…
Ich bestellte mir eine Cola und verdrückte mich in eine Ecke. Die viele ungewollte Aufmerksamkeit war mir dann doch nicht geheuer. Ich vergrub mich in meinem Buch und verbrachte doch noch eine nette Zeit dort.
Irgendwann schulterte ich mein Bündel wieder und machte mich auf nach Middleyard. Mir wurde ein netter Empfang bereitet und ich bezog mein Zimmer. Nach einer wirklich nötigen Dusche lernte ich zwei Mädels kennen, mit denen ich einen herrlichen Abend in einem nahegelegenen Pub verbrachte. Und erst das Essen…! Ich hatte Spargelrisotto und Erdbeerkäsekuchen und ich schwärme immernoch davon. ES WAR EINFACH SO MEGALECKER!
Ähem.
Ja.
Entschuldigung.
Auf jeden Fall teilten wir uns dann auch irgendwann wieder ein Taxi zurück. Und erlebten etwas herrlich Unerwartetes. Das Taxi bog um eine Kurve – und stoppte abrupt. Die ganze Straße war voller Kühe!
Der Taxifahrer erklärte uns, dass dies immer mal wieder passierte, weil sich die Kühe in diesem County freibewegen dürfen. Das hieß im Klartext – die Kuh kommt zuerst! Wir warteten bis sämtliche Rinder an uns vorbeigetrottet waren und kamen schließlich wohlbehalten an.
Ich tätigte noch ein Paar Anrufe in die Heimat via WhatsApp (auch ich bin vor Heimweh nicht ganz gefeit). Doch ansonsten passierte außer schlafen nicht mehr viel…

Cleeve Hill – Birdlip

​Der nächste Morgen startete um 7 Uhr mit einem leichten Frühstück (nur etwas Toast und eine Menge Tee) und einer kurzen Verwirrung meinerseits über die Zahlungsmodalitäten. Aber gut, am Ende war alles geklärt und ich stand buchstäblich wieder auf der Straße.

Ich kämpfte mich den Hügel hoch –  und kam mir plötzlich vor wie in einem Disneyfilm. Da hoppelten Häschen, da hinten sah ich ein Reh und überall um mich herum Schafe. Hätten sie ein Lied  angestimmt, wäre ich nicht verwundert gewesen…
Die Aussicht von der Spitze des Hügels war wirklich spektakulär und wäre die Hitze nicht gewesen wäre es noch schöner gewesen. Aber hey, wie sagte mir eine Mitwandererin, die ich traf? „Wer kann schon sagen, dass er nach England im die Ferien fuhr und mit einem Sonnenbrand nach Hause kam?“
Allerdings führte der Weg schlussendlich doch durch relativ viele Wälder, was mir angesichts der Temperatur nur allzu recht war. Trotzdem bekam ich einen fetten Sonnenbrand an den Armen – und das trotz Sonnencreme. Ich glaube, ich schwitzte die einfach weg. Was soll man dazu sagen? Außer „Autsch!“ natürlich!
Ansonsten hatte ich glaub ich an jenem dritten Tag meiner Wanderung die Schnauze ein wenig voll. Es war warm, ging ständig hoch und runter, ich hatte einen phänomenalen Muskelkater in den Oberschenkeln und mein rechter Fuss hatte eine schmerzende Blase entwickelt. Und da Blasenpflaster an meiner schwitzenden Haut nicht hielt (ich hatte eines am Morgen aufgeklebt und abends zusammengerollt unter meiner Ferse wiedergefunden) litt ich vor mich hin. Jeder Schritt tat weh und ich musste mich wirklich zwingen, weiterzulaufen.
Eines der Highlights an diesem Tag war eine Sehenswürdigkeit namens „Devils Chimney“, in Leckhampton Hill. Die aufeinandergetürmten Steinformationen waren wirklich großartig zum ansehen. Die Legende besagt, dass der Teufel von dort Steine holte, mit denen er brave Leute, die sonntags zur Kirche gingen, bewarf. Klingt logisch!
Dort legte ich auch eine Mittagspause ein. Eine asiatisch aussehende Familie, die mich seit geraumer Zeit wandertechnisch verfolgte (wir halfen uns gegenseitig mit Richtungsangaben aus) ließ sich dort ebenfalls ihr Essen schmecken. Der Vater offerierte mir schließlich ein Stück eines süßen Kuchens, den ich schlussendlich nur annahm, um nicht unhöflich zu wirken. Geschmeckt hatte es nicht wirklich. Aber hey, die Geste zählt!
Dort lernte ich auch eine Gruppe britischer Jungs kennen, die auf einer Mountainbiketour waren. Ich schoss ein Gruppenfoto von ihnen und sie im Gegenzug auch eines von mir. Ganz ohne Selfiestick!
Ich hatte einen wirklich netten Plausch mit den Jungs. Auf meine Frage woher sie kämen und was ihr heutiges Ziel wäre, blickten sie sich peinlich berührt an. Einer zeigte schließlich nach links, auf einen Punkt im Tal. „We are coming from this pub-“ Dann zeigte er nach rechts. „- and we’re going to this pub.“ Ich musste lachen. Und etwas neidisch war ich auch!
Ich wanderte schließlich weiter über schattenlose Wiesen und Felder (mein Sonnenbrand wurde schlimmer als je zuvor!) – und stand plötzlich in der Rush Hour an einer dicht befahrenen Straße. Die ich natürlich überqueren musste.
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft man  gut befahrene Straßen überqueren musste. Und das manchmal auch noch direkt hinter einer Kurve oder an einer absolut unübersichtlichen Stelle. Und dann noch mit Linksverkehr! Ich frage mich, warum man nicht einfach eine Fußgängerbrücke oder eine Unterführung bauen kann, um das Gefahrenpotential zu mindern. Die Autofahrer fänden das sicherlich auch ziemlich knorke.
Naja, egal.
Ich stand also an dieser mächtig stark befahrenen Straße, direkt neben einem Kreisverkehr, in der glühenden Sonne und wartete. Und wartete. Und wartete. Die Autofahrer warfen mir entschuldigende Blicke zu. Ich lächelte tapfer.
Nach 15 min erbarmte sich endlich jemand und ließ mich über die Straße huschen. Ich hätte denjenigen küssen mögen!
Auf der anderen Seite angekommen schlich ich mich in den Pub dort, „The Aur Balloon“ genannt.

Schwitzend und zum Himmel müffelnd genehmigte ich mir erstmal eine große Cola und ließ meinen Wasservorrat aufstocken. (Gratis!) Nach einer halben Stunde fühlte ich mich fit genug für das, was ich für den Endspurt hielt.

Haha.

Ich hatte ein Zimmer für die Nacht zu einem unschlagbar günstigen Preis in einem Pub gebucht. Ohne vorher die Lage zu checken. Einer meiner weiteren Planungsfehler. Denn der Pub lag ungefähr 2 km außerhalb des Örtchen Birdlips. Und zwar 2 km in die falsche Richtung.
Ich ergab mich schließlich meinem Schicksal und machte mich auf dem Weg dorthin. Was ich auch nicht wusste war, dass der Pub an einer Schnellstraße lag. Und dass der Fußweg einen Kilometer davor einfach abrupt endete.
Zuerst versuchte ich noch mich durch die Felder zum Pub zu schlagen, doch das gab ich nach frustrierenden 20 Minuten mit zerkratzten Beinen (und einem illegal überwundenen Gatter) auf. Die restlichen 500 Meter trottete ich also auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße dahin. Aber nach über 30 gelaufenen Kilometern war mir das auch schon egal. Ich wollte nur noch zum Pub, duschen und essen!
Ich wurde herzlich vom Barmanager empfangen, der erstaunt und beeindruckt reagierte, als ich ihm erzählte, dass ich von Cleeve Hill gestartet war. Ich bezog mein Zimmer, kämpfte kurz mit der Dusche (und bezwang sie) und wartete darauf, dass sich mein Handyakku wieder auflud.
Dann gesellte ich mich in den Pub, orderte Fish & Chips (auf der Karte stand „beer battered cod“ und ich musste wirklich darauf achten, dass ich nicht ausversehen etwas anderes sagte) und ein Cider und verzog mich mit meinem Kindle in eine Ecke.
Das Essen war, gelinde gesagt, großartig (leider nur viel zu viel!) und solltet ihr jemals nach Birdlip kommen, solltet ihr das „The Golden Heart Inn“ aufsuchen. Es lohnt sich!
Der Abend endete lustigerweise in einer kleinen Pubtour in die umliegenden Lokalitäten. Nach zwei Cider und einem Bier wollte ich vernünftigerweise auf Cola umstellen… doch da ich den Herren der Schöpfung die Bestellung überließ erhielt ich wieder ein Cider. Schicksal, würde ich sagen!
Mir wurde für den nächsten Morgen eine Fahrt zurück zum eigentlichen Cotswold Way offeriert, damit ich nicht wieder auf der Seitenstraße entlanghüpfen musste. (Sämtliche Anwesenden reagierten nämlich mit absolut entsetzten Gesichtern, als ich davon erzählte.) Also nahm ich an.
Nach einem wirklich schönen und interessanten Abend landete ich gegen 1 Uhr endlich in meinem Bett, herrlich müde und herrlich betrunken. Ich schlief natürlich auf der Stelle ein.

Wood Stanway – Cleeve Hill

​Der nächste Morgen begann mit einem reichhaltigen Frühstück. Cornflakes, Toast und ein Full English Breakfast.

Hier ein Tipp: TUT DAS NIEMALS wenn ihr danach noch wandern wollt. Hört ihr? Niemals! Dies ist eine Lektion, die ich hart lernen musste. (Trotzdem war es sehr lecker…)
Gegen 8 Uhr war ich schließlich wieder unterwegs. Und es dauerte ungefähr vierzig Minuten, bis ich mich innerlich dafür verfluchte so viel gegessen zu haben. Mir war nach der ersten wirklichen Steigung so kotzübel, dass ich erstmal verschnaufen musste.
Zum Glück verging das Gefühl nach einer Weile wieder, aber himmel! Es kam mir vor wie eine Ewigkeit!
Kurz danach nahm ich eine falsche Abzweigung (ich hatte einfach nucht aufgepasst) was mir einen Umweg von ungefähr 1.5 km einbrachte. Dafür konnte ich Hailes Abbey von sämtlichen Seiten bewundern!
Das Örtchen Hailes (das seinen Namen von eben besagter Abbey hat) hat übrigens drei anerkannte Schreibweisen: Hailes, Hayles und Hales. Falsches Buchstabieren ist hier also nicht drin! Übrigens hat Richard, Earl of Cornwall (1209 – 1272) die Abbey erbauen lassen. Warum? Weil er während eines Sturm auf See geschworen hatte dies zu tun, sollte er überleben.
Ich durchquerte irgendwann auch Winchcombe, ein wirklich niedliches Städtchen mit eigenem Schloss (Sudeley Castle – ich hab es mir nicht angesehen). Kurz danach machte ich Mittagspause und verzehrte mein packed lunch, das ich vom B&B bekommen hatte. Und ich verängstigte mit meinem Rucksack zwei Yorkshire Terrier, die schließlich von den Besitzern vorbeigetragen werden mussten. Oops!
Der nächste Stop war Belas Knap, ein Hügelgrab. Es reicht bis ins Jahr 2500 bevor Christus zurück – und ich hatte tatsächlich Gänsehaut dort zu sein. Offenbar war ich aber die Einzige, denn ein paar Familien saßen auf den Hügeln und verspeisten ihr Pucknick. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Kurz vor dem Ziel hatte ich eine Zwangspause, denn ich war viel zu früh. Also verbrachte ich eine herrliche Stunde an einem Bach, hing meine ächzenden Füße ins Wasser und las in meinem Buch.
Schließlich trottete ich weiter.
Das Nächste, über das ich mich wunderte war, dass der Weg a) oftmals über Golfplätze führte und b) dort offensichtlich niemand ein Problem damit hat, dass Schafe zwischen den Abschlagplätzen grasen. Bin ich denn die Einzige, die sich darüber sorgt, was passiert, wenn eines der Schafe mal von einem Ball getroffen wird?
Na gut.
Egal.
Das war übrigens auch der Punkt, an dem mir das Wasser ausging. Meine schlechte Planung sollte sich am nächsten Tag auch nochmal bemerkbar machen…
Mein Tagesziel an jenem Tag war Cleeve Hill. Cleeve Hill Common ist gleichzeitig mit 325 m der höchste Punkt des Cotswold Ways. Allerdings musste ich, um zu meiner Unterkunft zu kommen, erst da hoch und dann wieder da runter kraxeln. (Und am nächsten Morgen natürlich wieder hoch.) War leider anders nicht möglich.
Dafür hatte ich mit dem „Cleeve Hill House Hotel“ eine gute Wahl getroffen. Der Empfang war herzlich und das Zimmer geräumig und schön. Nach der obligatorischen Dusche und dem Nickerchen ging es für mich in den Gastro-Pub die Straße runter, wo ich nicht nur ein vorzügliches Strawberry Pimms trank, sondern auch einen großartigen Bacon Cheese Burger mit Rosmarin-Pommes verdrückte.
Übrigens empfing mich der B&B-Inhaber nach meiner Dusche mit den Worten „What a beautiful lady you are after you had a shower!“ Ähem. Danke!
Egal.
Gegen neun Uhr und nach ein wenig britischem Fernsehen (das ich übrigens wirklich sehr mag!) fiel ich auch schon todmüde ins Bett.

London – Chipping Campden – Wood Stanway

​Am Morgen des 19. Julis ging es für mich los. Das hieß – eigentlich hatte es schon am Abend zuvor angefangen. Ich hatte vom 18. auf den 19. Juli nämlich noch Nachtdienst, der aus persönlichen Gründen zu einem der schlimmsten gehörte, die ich bisher absolvieren musste.

Also ging es nach praktisch keinem Schlaf, dafür mit aufgeregt pochenden Herzen von Arbeit direkt an den Flughafen. Mein Ziel? London Heathrow. Zur Abwechslung gönnte ich mir nämlich diesmal einen Flug mit British Airways. YOLO und so.
Dort angekommen war ich erstmal von einem Phänomen erschlagen, das ich sonst nur vom Hörensagen kannte: Hitze in Englands Hauptstadt! Die Fahrt mit der U-Bahn war stickig und schweißtreibend. Nicht nur für mich…
Ich verbrachte einen sehr gemütlichen Abend in der Wohnung eines Freundes – denn am nächsten Morgen wurde es dann ernst. Nach einer vor Aufregung fast durchwachten Nacht klingelte gegen 5 Uhr mein Wecker. Und das war der Punkt, an dem ich zum ersten Mal gerne abgebrochen hätte. (Scheiß auf gespielte Tapferkeit! Man kann schon hier hören, dass es nicht das einzige Mal bleiben würde.)
Schließlich rang ich mich doch durch und wenug später saß ich in der U-Bahn zum Bahnhof  Paddington. Dort versorgte ich mich erstmal mit etwas Essbarem und Wasser. Und dann ging es in den Zug nach Moreton-in-marsh, dem am nächstgelegenen Bahnhof zum Beginn des Cotswold Way. Dort angekommen wurde ich auch schon geradewegs von einem sehr netten Taxifahrer aufgegabelt, der mir ziemlich direkt zu verstehen gab, dass ER den Weg bei DIESER HITZE nicht wandern wollte.
Ja, ne, danke für die Aufmunterung, mate!
Nun ja, ich besorgte mir noch ein Mittagessen im „Buttys“ in Chipping Campden (Roastbeef auf Toast mit Radiedchencreme – megalecker!!) und dann ging es los.
Nach 200 m kam die erste Steigung (was sich als Vorgeschmack für den Rest der Wanderung entpuppen sollte) – und als ich oben war brüllten meine Oberschenkel vor Entrüstung und ich war mir sicher nie wieder ruhig atmen zu können.
Das war das zweite Mal, dass ich mir ernsthaft überlegte warum ich mir den Scheiß überhaupt antue. Und dann dachte ich mir – mit der Wanderung sammele ich Geld für eine Mukoviszidose-Stiftung, d.h. für Leute, die oft und vorwiegend Probleme mit der Lunge haben. Diese Menschen erleben den Zustand der Atemlosigkeit, des Gefühls nicht genug Sauerstoff zu bekommen tagtäglich, jeden Tag ihres Lebens! Alleine diese Erkenntnis warf mich fast um.
Kurzer Einschub: Wenn ihr mal ansatzweise verstehen wollt wie sich ein Mensch mit Mukoviszidose fühlt, versucht mal, durch einen Strohhalm zu atmen. Und danach stellt euch vor, das wäre nicht nur ein 5-Minuten-Experiment, sondern das, was ihr sekündlich erlebt. Erschreckend, oder?
Ich jedenfalls beschloss es durchzuziehen, komme was wolle. Ha, en paar lächerliche kleine Hügel würden mich doch nicht aufhalten!
Nach ungefähr zwei Stunden kam ich zu der Erkenntnis, dass ich – wenn ich für jedes kissing gate (dict.cc übersetzt es mit „Schwinggatter“ – Deutsch ist wundervoll poetisch, oder?) das ich geöffnet habe, einen Schnaps getrunken hätte – jetzt schon hackedicht am Wegrand liegen würde. Übrigens hat nicht jedes Gatter den gleichen Schließmechanismus. Ich erlebte bis jetzt um die 7 verschiedene und so wurde jedes Öffnen zu einem unfreiwilligen Intelligenztest.
Natürlich haben diese Gatter auch einen Sinn! Denn in diesem Teil Englands gibt es mäh-ga viele Schafe. (Entschuldigt den Wortwitz.) Und die sind einfach überall! Und lassen sich nicht stören wenn man quer über ihre Weide läuft. Übrigens ist es auch ein echtes Erlebnis wenn man beim pinkeln in freier Wildbahn plötzlich von einer Traube Schafe umringt ist. Wenn ihr könnt probiert es aus! Ihr werdet es nicht mehr missen wollen…
Mein erstes Highlight war Broadway Tower, ein durchaus beeindruckender, in der Gegend herumstehender Turm. Mein Reiseführer sagt dazu folgendes:
„Built in 1799 as a follyfor Lady Coventry by the 6th Earl of Coventry it sits atop Beacon (nicht Bacon!) Hill which, at 1024 ft (312 m) is the second highest point in the Cotswolds.“

Toll. Da ist man erst ein paar Stunden unterwegs und darf sich schon zum zweithöchsten Punkt vorankämpfen.
Ich mampfte zur Stärkung noch einen Müsliriegel. Dass ich beim Anblick des Turmes ständig an Monty Python und „Die Ritter der Kokosnuss“ denken musste, lass ich lieber unerwähnt…
Irgendwo – es könnte Broadway oder Stanton gewesen sein – kam ich zu einem meiner heißgeliebten kissing gates, nur um es blockiert von einer Herde Schafe vorzufinden. Um das Gatter herum war der einzige Platz auf der ganzen Weide, der schattig war… gut für die Schafe, schlecht für mich, denn auch als ich versuchte das Tor zu öffnen, rührten sich die possierlichen Tiere nicht vom Fleck.
So.
Und nun?
Nach fünf Minuten gab ich schließlich nach und veranstaltete etwas, das ich gerne als „Gatterhoch- und Schafweitsprung“ bezeichne. Es klappte. Und die Schafe wirkten noch nicht einmal beeindruckt. Danke auch!
Gegen 15 Uhr erreichte ich mein Tagesziel, einem kleinen süßen B&B in Wood Stanway. Aber niemand war zuhause!
Kurze Zeit später kam der Ehemann der Lady, bei der ich gebucht hatte, nach Hause und ließ mich ein. Ich bezog nach kurzer Verwirrung mein Zimmer und duschte erst einmal ausgiebig. Später erfuhr ich, dass man in B&Bs eigentlich erst um 16 Uhr einchecken kann.
Oops!
Es war mir wirklich peinlich und ich entschuldigte mich gefühlte hundert Mal.
Nach einem Nickerchen erhielt ich ein extrem leckeres 3-Gänge-Abendessen (Tomatensuppe, Hühnchen mit Kartoffeln und Apfelstrudel), nach welchem ich nur noch rollen konnte. Den restlichen Abend verbrachte ich mit dem britischen Fernsehen, bis ich gegen 21 Uhr todmüde ins Bett fiel und bis 6 Uhr durchschlief.

Also dann!

​Da ist man plötzlich diverse Tage unterwegs, freut sich seines Lebens und seines Leidens – vor allem der Füße wegen – und brennt darauf jedem von seinen Erlebnissen zu erzählen … und dann fällt man um 8 Uhr abends todmüde ins Bett und schafft es nicht auch nur einen einzigen lausigen Blogpost zu verfassen. Gut, das liegt auch daran, dass mein Laptop der Gewichtsreduktion meines Rucksackes zum Opfer fiel. Nun tippe ich das alles eben mit dem Smartphone. Für etwaige Rechtschreibfehler entschuldige ich mich schon mal im voraus. Und verzeiht mir, dass ich nicht allzu ausschweifend werde. Aber ich hasse es tatsächlich lange Texte am Handy zu verfassen.

Gut, nachdem das geklärt ist … viel Spaß beim Lesen!